Integrierter Unternehmensbericht 2016
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MIGRATION GESTALTEN – CHANCEN FÜR DIE MENSCHEN ERHÖHEN

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ES GIBT VIELE GRÜNDE, WARUM MENSCHEN IHRE HEIMAT VERLASSEN – FAST IMMER IST ES DIE HOFFNUNG, EIN BESSERES, FRIEDLICHES UND SICHERES LEBEN ZU FINDEN ODER DURCH EIN HÖHERES EINKOMMEN DEN FAMILIEN DAHEIM ZU HELFEN. OFT IST DIES ALLERDINGS – NICHT NUR GEOGRAFISCH – EIN WEITER WEG.

Perspektiven für die Zukunft zu schaffen, ist daher neben Schutz und Nothilfe die wichtigste Aufgabe in den Programmen der GIZ – für Flüchtlinge, Vertriebene und Migranten. Besonders Migration muss gestaltet werden. Und das kann auch heißen, Perspektiven dort mit aufzubauen, wo Menschen am liebsten sein wollen: zu Hause.

KOLUMBIEN: WIEDER ANFANGEN IM EIGENEN LAND

Nicht immer führen Flucht und Vertreibung in andere Länder. Die meisten Menschen fliehen vor gewaltsamen Konflikten in friedlichere Regionen ihres eigenen Landes. Mit rund 6,8 Millionen Bürgerkriegsvertriebenen hat Kolumbien, nahezu unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, die weltweit höchste Zahl an Binnenvertriebenen. Willkommen sind sie häufig nicht, denn Ressourcen und Infrastruktur reichen schon für die ansässige Bevölkerung kaum aus.

Es fehlt an sauberem Trinkwasser, an Wohnraum, Schulen und an Arbeit – für alle.

Die lokalen Behörden und Provinzregierungen sind oft nicht darauf ausgerichtet, den Vertriebenen eine neue Lebensperspektive zu bieten. Hilfe bei dieser komplexen Aufgabe bekommen sie von der GIZ, die in Kolumbien im Auftrag des BMZ in mehreren Projekten aktiv ist.

Im Departement Caquetá zum Beispiel, einer der am stärksten vom bewaffneten Konflikt in Kolumbien betroffenen Regionen, begleitet sie das Bürgermeisteramt der Hauptstadt Florencia dabei, eine Servicestelle für Vertriebene einzurichten. Sie soll Betroffenen die Angst vor erneuter Vertreibung nehmen und sie motivieren, sich registrieren lassen. Der Eintrag im sogenannten Opferregister ist Voraussetzung für eine Entschädigung und erleichtert es, eine Arbeit zu finden.

Das Engagement zeigt erste Erfolge: Fast 4.000 Menschen haben Arbeit gefunden, darunter viele alleinerziehende Frauen. 40 Kleinunternehmen sind entstanden, rund 100 Personen haben sich im boomenden Hochbaugewerbe weitergebildet. Und eine erste indigene Gemeinde, die aus ihrer Heimat vertrieben wurde, lebt nun an einem Ort, wo sie ihre Kultur auch außerhalb ihres angestammten Gebiets bewahren kann.

TUNESIEN: APPS ALS LEBENSPERSPEKTIVE

Mangelnde Zukunftsaussichten sind neben Kriegen und Konflikten der häufigste Grund, die Heimat zu verlassen. Die Wirtschaft anzukurbeln, gehört daher zu den wichtigsten Aufgaben in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern.

Tunesien etwa will daher bis 2020 gezielt junge Menschen anregen, in die vielversprechende Digitalindustrie einzusteigen. „m-dev“, ein Projekt zur Entwicklung von mobilen Anwendungen für Smartphones, soll dabei helfen.

Unterstützt wird es von der landesweiten Initiative für wirtschaftliche Stabilisierung und Jugendbeschäftigung, die die GIZ im Auftrag des BMZ durchführt. Sie ist Teil der Sonderinitiative des Ministeriums zur Stabilisierung und Entwicklung in Nordafrika, Nahost.

Ein erster App-Wettbewerb zeigte, wie erfolgversprechend dieser Weg ist: 8.600 junge Leute, unterstützt von ausgewiesenen IT-Spezialisten, entwickelten über 1.000 Apps für den nationalen und internationalen Markt. Einige Anwendungen sind so erfolgreich, dass daraus Geschäftsmodelle entstanden sind und sich die Entwickler selbstständig machen konnten.

„m-dev“ hat dabei besonders die Entwicklung von Apps gefördert, die Lösungen für regionale Probleme versprechen, etwa in den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft oder Bildung. So zählen zu den 200 besten Entwicklungen die App „Fama Mass“, die Fischer unterstützt, gute Fischgründe zu finden, oder eine App, die Frauen über ihre Rechte informiert und hilft, bei einer Verletzung, wie beispielsweise einer Belästigung, Klage einzureichen.

ARBEITSMIGRATION: GEWINN FÜR ALLE

Knappe Ausbildungs- und Arbeitsplätze im eigenen Land, Fachkräftemangel in Deutschland – hier setzt die GIZ in der Beratung von Institutionen in Deutschland und in Partnerländern zu Wegen legaler und qualifizierter Arbeitsmigration an. In Marokko etwa bietet GIZ International Services in Zusammenarbeit mit der nationalen Arbeitsagentur und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) jungen Menschen die Chance, in Deutschland eine Ausbildung im Gastronomie- und Hotelfach zu absolvieren.

110 ausgewählte Kandidaten werden zunächst in Marokko in Kursen zu Sprache und Kultur auf die Arbeitswelt und den Lebensalltag in Deutschland vorbereitet. Dann werden die deutschen Betriebe, die die erfolgreiche Umsetzung durch zusätzliche Leistungen unterstützen, auf die Zusammenarbeit eingestimmt, ehe die Ausbildung beginnt. Zum Vorteil für alle: Die Betriebe profitieren von hoch motivierten jungen Menschen, die Auszubildenden erhöhen ihre Beschäftigungschancen in Deutschland sowie in Marokko, wenn sie später zurückkehren möchten. Finanziert wird das Migrationsprojekt von der Weltbank aus ihrem Fonds für die Region Nordafrika.

HAMBURG: NEUSTART AN DER ELBE

Mit „Make it in Hamburg!“ unterstützt die Stadt Hamburg gut ausgebildete Fachkräfte aus aller Welt bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Dafür setzt sie auf eine Kombination aus persönlicher Beratung, individuellem Coaching und Weiterbildung – und auf ein Netzwerk aus Kammern, Beratungsstellen, Behörden und Universitäten, das bei der Jobsuche berät, Praktika vermittelt und über die Anerkennung ausländischer Abschlüsse informiert.

Diese Erfahrung setzt die Hansestadt seit 2016 auch bei Flüchtlingen mit überwiegend akademischem Hintergrund ein. Sie bekommen, abgestimmt auf ihre persönliche Situation, einen Überblick über das deutsche Arbeitssystem und Hilfe bei der Arbeitserlaubnis. Das Landesbüro Hamburg der GIZ unterstützt das Projekt, das vom Europäischen Sozialfonds (ESF) und der Hansestadt finanziert wird. Bis Ende 2016 hat „Make it in Hamburg!“ insgesamt 840 Migrantinnen und Migranten und zusätzlich 173 Flüchtlinge beim Neuanfang an der Elbe begleitet.

BRÜCKE IN DIE HEIMAT KOSOVO

Dass wirtschaftliche Fluchtgründe keinen Anspruch auf Asyl bedingen, ist auch zunehmend im Kosovo bekannt. Seither sinkt in Deutschland nicht nur die Zahl der Asylsuchenden aus dem Kosovo. Immer mehr Kosovaren kehren auch zurück in ihr Heimatland – 2016 waren es fast 5.500 Menschen, die die Rückkehrförderung des Bundes in Anspruch genommen haben. Doch die Rückkehrer treffen auf einen schwachen Arbeitsmarkt.

Den Rückkehrern das Ankommen in der Heimat zu erleichtern, ist das Ziel von URA (albanisch für „Brücke“), einem Projekt, für das neun Bundesländer und der Bund kooperieren. Die GIZ berät die Heimgekehrten im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), wo sie Arbeit finden können und welche Angebote zur Weiterbildung es gibt. Um soziale Härten zu mildern – viele haben ihr Eigentum verkauft, um nach Deutschland zu kommen –, erhalten sie bei Bedarf finanzielle Hilfen für Mietkosten, Fortbildungen, Fahrtkosten oder medizinische Behandlungen sowie Zuschüsse zu Lohnkosten bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.